Stellen Sie sich vor, Sie stehen kurz vor dem Ruhestand. Jahrzehntelang haben Sie fleißig gespart, investiert und Ihr Vermögen vor allem in thesaurierende Fonds oder ETFs angelegt – also Produkte, die Erträge automatisch wieder anlegen. Doch plötzlich taucht eine neue Frage auf: Wie strukturiere ich mein Depot so um, dass ich laufende Einnahmen generieren kann?

Die Antwort lautet: Am besten mit Weitblick. Im Idealfall beginnen Sie etwa fünf bis zehn Jahre vor dem geplanten Renteneintritt damit, Ihr Portfolio Schritt für Schritt umzustrukturieren. Diese Zeitspanne gibt Ihnen die nötige Ruhe, um klug zu planen, statt übereilt zu handeln. Vor allem können dadurch Verkäufe in ungünstigen Börsenphasen vermieden werden.

Der erste Schritt ist eine Bestandsaufnahme. Prüfen Sie genau, welche Fonds und ETFs Sie besitzen und überlegen Sie, wie hoch Ihre künftigen Ausschüttungen sein sollen. Danach folgt ein Verkaufsplan: Statt alles auf einmal umzuschichten, bietet es sich an, in Etappen zu verkaufen – vorzugsweise in Phasen, in denen die Märkte nahe an einem Hoch notieren. So können Sie Gewinne realisieren und gleichzeitig prüfen, ob sich Verluste gegenrechnen lassen, um Ihre Steuerlast zu senken.

Ein Beispiel: Nehmen wir an, Herr Huber ist 60 Jahre alt und möchte mit 67 in Rente gehen. Er verkauft jedes Jahr einen kleinen Teil seiner thesaurierenden Fonds und investiert die Erlöse in ausschüttende ETFs. So baut er sich Stück für Stück eine Art „private Rentenzahlung“ auf.

Wichtig ist dabei die Streuung. Niemand möchte im Ruhestand schlaflose Nächte wegen einer schwankenden Einzelaktie haben. Sinnvoller sind globale Dividenden-ETFs oder Fonds, die eine solide Ausschüttungsrendite bieten, womit sie breit gestreut in viele Unternehmen investieren. Ergänzen lassen sie sich durch Anleihefonds, die dank gestiegener Zinsen wieder attraktivere Erträge bringen, oder durch Immobilien-ETFs, die oft Ausschüttungen von 4 bis 5 Prozent liefern. Letztere sollten jedoch nur ein Baustein im Gesamtportfolio sein.

Natürlich darf die Steuer nicht außer Acht gelassen werden. Nutzen Sie den jährlichen Sparer-Pauschbetrag (1.000 Euro pro Person, 2.000 Euro für Ehepaare) und achten Sie darauf, ob Sie Verluste aus Verkäufen gegen Gewinne verrechnen können.

Was Sie unbedingt vermeiden sollten? Übereilte Entscheidungen. Viele Anleger machen den Fehler, ihr Depot in einer Marktkorrektur hektisch umzuschichten oder sich auf wenige Einzelwerte zu konzentrieren. Klumpenrisiken und zu hohe Erwartungen bei den Ausschüttungen sind ebenfalls gefährlich. Realistisch ist meist eine Rendite von 3 bis 4 Prozent. Dies lässt sich auch durch breit gestreute ETFs bzw. Fonds gut darstellen.

Am Ende stellt sich noch die Frage: Umbauen oder einfach Anteile verkaufen? Beide Wege haben ihre Vor- und Nachteile. Wer sein Depot auf ausschüttende Fonds umstellt, profitiert vom psychologischen Vorteil regelmäßiger Einnahmen – ähnlich wie bei einer zusätzlichen Rente. Wer hingegen Anteile verkauft, behält maximale Flexibilität, muss aber damit leben, dass der Kapitalstock schrumpft und Verkäufe in schlechten Marktphasen schmerzhaft sein können. Sie können sich als Anleger aber auch für ein hybrides Modell entscheiden: ein Teil des Depots wird auf Ausschüttung umgestellt, der andere bleibt thesaurierend investiert. So profitieren sie von laufenden Erträgen, behalten sich aber dennoch die Freiheit für größere Beträge Anteile von thesaurierenden Investmentvehikeln zu verkaufen.

Und wie läuft eine Ausschüttung praktisch ab? Ganz einfach: Ein Fonds oder Unternehmen beschließt, Gewinne auszuzahlen. Wer das Wertpapier zum Stichtag im Depot hat, bekommt wenige Tage später die Ausschüttung auf sein Verrechnungskonto überwiesen. Der Kurs sinkt in der Regel um genau diesen Betrag – aber die Auszahlung bringt Ihnen Liquidität, ohne dass Sie Anteile verkaufen müssen.

So wird aus einem abstrakten Thema wie „thesaurierend oder ausschüttend“ eine ganz konkrete Frage: Wollen Sie im Ruhestand selbst Anteile verkaufen – oder lieber Monat für Monat eine Art Gehalt aus Ihren Investments erhalten? – oder eben ein hybrides Modell zwischen ausschüttenden und thesaurierenden Investments wählen.